Sunday, 17 November 2013

17. November 2013

"Gisèle Dufrène fragt:"Haben Sie gestern im Fernsehen den Jahresrückblick gesehen?"
"Ja", sagt Laurence. "Wir scheinen ein merkwürdiges Jahr mitgemacht zu haben: ich war mir dessen gar nicht bewußt geworden."
"Alle Jahre sind so... und niemals ist man sich dessen bewußt", sagt Dufrène.
Man sieht die Tagesschau, die Wochenschau, die Fotos in Paris Match, man vergißt sie wieder. Wenn man sie alle auf einmal wiedersieht, ist man ein wenig erstaunt. Leichen von Weißen und Schwarzen, in Schluchten gestürzte Autobusse, fünfundzwanzig Kinder getötet, Feuersbrünste, am Boden zerschellte Flugzeuge, einhundertundzehn Passagiere auf einen Schlag getötet, Wirbelstürme, Überschwemmungen, Bürgerkriege, Vorüberziehen verstörter Flüchtlinge. Es war so schauerlich, daß man schließlich am liebsten gelacht hätte. Man betrachtet all diese Katastrophen aus der Polstersesselperspektive der vertrauten Häuslichkeit, in die die Welt nicht eindringt: man sieht nur Bilder, hübsch eingerahmt auf der kleinen Mattscheibe, Bilder, die ihr Gewicht an Realität verloren haben."

Aus Die Welt der schönen Bilder von Simone de Beauvoir (1966)

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